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Es ist doch schon eine eigenartige Welt! Das Bild, das in der ‚zivilisierten‘ Welt über die Geschlechterrollen im Islam vorherrscht. Sie erinnert sich an die Frauen in Aleppo, trotz oder gerade wegen der totalen Verhüllung. Unheimlich stolz und erhaben. Ja, vielleicht schon arrogant. Unter den bodenlangen Mänteln blitzen die Stilettos hervor. Dann zwar die Männer, die unheimlich männlich auf die Strasse spuckend Frauen taktieren, wie Kamele auf dem Markt. Auf der anderen Seite mit Männern Händchen haltend, Tee trinkend und in schlechten zierlichen Schuhen Schnulzenfilme kuckend.

Solange sie eine Hure sein soll, wird sie dieses Gehabe auch nicht dulden. Nur, weil sie eine Ungläubige ist oder sein soll. Eine Nebenwirkung von Satelliten-TV und bedenkenlosen Touristen. Bei ihr zuhause müsste sie sich die Brüste aufdoppeln lassen, um überhaupt ‚mitspielen‘ zu dürfen.

Entgegen ihrer Erwartungen ist es heute extrem ruhig in der Stadt. Sind doch busweise Menschen aus der Umgebung angereist. Im Frühstücksraum brodelt es nur so von syrischen Verwandten. Humus und Eier werden knapp. Getrennt durch die Fensterscheibe verständigt sie sich täglich mit dem Schuhputzer in selbstdefinierter Gebärdensprache.

Jungs beherrschen die Strassen. Dieses Land muss sich noch keine Gedanken um die Renten machen. Die meisten Geschäfte sind geschlosssen. Die Metallrolläden einheitlich abweisend geschlossen. Dafür bekommt man tagsüber wieder etwas zu essen und zu trinken. Salhiyeh und Sarouja scheinen ihr gute Plätze um sich aufzuhalten. Museen sind geschlossen. Selbst das Noufara hat diesen faden Beigeschmack angenommen.

Meistens sitzt sie vor dem Lokal. Einmal sitzt sie im Noufara selbst. Spricht er die Sprache, die sie gelernt hat, versteht sie die Zusammenhänge. Er sitzt erhöht mit seinem grossen Buch vor sich. Seine Gesten lassen keine Zweifel. Seine Stimme bebt. Die Intonation changiert. Es geht um Liebe und Leid.

Meistens sitzt sie auf den Stühlen vor dem Lokal. Gerade in Syrien sollte man sich nicht öffentlich über Politik unterhalten. Eher gar nicht. An einem dieser Tage findet sie Platz neben einem älteren Herrn, der sie auch noch einlädt, neben sich Platz zu nehmen. Sie unterhalten sich eingangs über ihre Geschichte. Danach erzählt er in gutem Englisch aus seinem Leben. Und seiner Haltung der Politik gegenüber. Er nennt sie “blue eye”.

Er hat Lungenkrebs.

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